Kunst, Künstler, Kitsch, Kackscheiße

Wie sehr kann man Kunst und Künstler voneinander trennen? Die Frage ploppte ja erst neulich wieder auf, als Hohlbirne Ten Walls seinen Mangel an IQ unter den Beweis stellte und schneller fallen gelassen wurde als die heißeste Kartoffel der Welt. Ich persönlich beschäftige mich schon länger mit dem Thema.Ich hatte nämlich durchaus mal ein Herz für Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims. Und das kannste ja heute auch nicht mehr wirklich laut sagen. Was zum Teufel ist da bloß passiert? Wir erinnern uns: …

1999

1999 tauchte Xavier Naidoo in der breiten Öffentlichkeit auf. Mit „Sie sieht mich nicht“ steuert er einen Song für den Soundtrack des neuen Asterix und Obelix-Film bei, der es bis auf Platz 2 der Singlecharts schafft und Platin erreicht (Fun Fact: Platz 1 waren die 22 Wochen, die der Song in den Charts war, Britney Spears – … Baby one more time, Mr Oizo – Flat Beat, Backstreet Boys – I want it that way und Lou Bega – Mambo No.5 … FEELING OLD AGAIN!). Als prä-pubertäres Mainstream-Radiokind absorbierte ich den Track natürlich, obwohl er vor Kitsch bis heute trieft. Meine erste Begegnung mit Naidoo.

2000

Ende 2000 erschien „Zion“, das erste Album der Söhne Mannheims. Und die Vorabsingle „Geh davon aus“ löst bei mir bis heute Gänsehaut aus. Ich würde mal behaupten, dass ich den Song damals inhaltlich noch nicht so ganz gerafft hab beziehungsweise beschränkten sich meine Beziehungs- und damit auch Herzschmerzerfahrungen auf die Szenen, die ich mit meinen Barbies spielte.

2002 bis 2004

Zwei Jahre später erschien das Xavier Naidoo-Album „Zwischenspiel – Alles für den Herrn“ und abgesehen von dem doofen Titel (mit seinem ganzen Religionskram konnte ich noch nie was anfangen – hätte ich geahnt, was da noch kommt, hätte ich mich allerdings nie drüber beschwert…) machte Naidoo mit dem Album alles richtig.

„Wo willst du hin“ ist vielleicht eine der besten deutschen Soulnummern ever, was vor allem an der krass geilen Instrumentierung liegt. Man hört in jedem Ton, dass es ein Track aus den 00er-Jahren ist – und das ist ausnahmsweise mal keine Beleidigung. Herrlich reduziert mit ein bisschen Pomp an den richtigen Stellen (und dass hier „Platz“ auf „Schatz“ gereimt wird – geschenkt, hohe Reimekunst war jetzt nie unbedingt Naidoos Stärke).

Auch die beiden folgenden Singles „Bevor du gehst“ und „Abschied nehmen“ konnten sich sehen/hören lassen. Dass „Ich kenne nichts“ 2003 schließlich zum Hyper-Mega-Hit wurde, geht auch in Ordnung. Wie gesagt: Kitsch und Schmalz sind hier immer fester Bestandteil, aber irgendwie konnte ich das bei Naidoo stets gut leiden. 2004 wurde das Geheimrezept des Erfolgs nochmal verwurstet und brachte den Söhne Mannheims den Hit ihrer Karriere. (Und ja, ich kann fast alle diese Songs noch mitsingen – ICH KANN DA NICHTS FÜR, mein Hirn ist so!)

Ab 2005

Und dann ging es bergab. Xavier und ich waren beide gleichermaßen dran Schuld (zumindest am Anfang). Ich begann, mich für Indie und Co. zu begeistern und verlor so natürlich ein wenig die Bindung zu deutschsprachigem Kitschsoulpop. Xavier Naidoo veröffentlichte „Telegramm für X“, 2006 wurde „Dieser Weg“ zur inoffizielle Hymne des WM-Sommermärchens, was dazu führte, dass ich meinen Partypatrioten-Hass auf Naidoo übertrug. Zu Recht, wie wir inzwischen wissen.

2008 gab es nochmal einen krassen positiven Ausreißer. Söhne Mannheims kamen mit „Zurück zu dir“ raus und hier bekomm ich nicht nur schon beim ersten Klavierton Gänsehaut, ich saß auch schon mitjaulend mit Pipi in den Augen vorm Laptop, obwohl es mir gut ging, einfach weil es so schön ist.

Aber das war es dann auch an schön. Irgendwann muss irgendjemand einen riesengroßen Haufen in den Kopf von Xavier Naidoo gesetzt haben. Er tat sich mit Kool Savas zusammen und produzierte homophobe Kackscheiße, er verwandelte sich in einen Deutschland GmbH-Fan, der unter seiner Schiebermütze wahrscheinlich einen Alu-Helm trägt, tritt „versehentlich“ bei Veranstaltungen rechtspopulistischer Reichsbürger auf und darf trotzdem auf Vox seine komische Song-Tausch-Show behalten. Also durch und durch hassenswert.

Was tun mit den ganzen schönen Erinnerungen und Gefühlen? Die alten Lieder komplett boykottieren, damit er keinen Cent mehr bekommt, um seine kruden Ideen umzusetzen? Heimlich und illegal zu Hause hören? Vergangenheit und Gegenwart trennen und drauf scheißen? Kunst und Künstler/Privatmensch trennen? (Das läuft nicht, der Tod des Autors wird sich niemals durchsetzen.) Wie man es macht, macht man es falsch. Ich würde wahrscheinlich auch keinen Ten Walls-Track mehr auf einer Party spielen. Aber (wie man sieht) hab ich kein Problem damit, ein halbes Dutzend Naidoo-Videos hier zu verlinken. Persönliches Integrität ist halt manchmal nicht so einfach. Amen.

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